Die Netzkultur und der Offlinebürger, von der Abschaffung der Netzneutralität
Medieninkompetenz für Anfänger, Wikileaks, JMSTV, Taliban, Zensursula & CO
Habt Ihr die Nachrichten in den letzten 2 Wochen aktiv verfolgt? Am 29.11.2010 hatte der Spiegel den Titel „Enthüllt – Wie Amerika die Welt sieht“ für seine neue Ausgabe gewählt. Ich habe zuhause, bei meinen Eltern bibbernd auf das versprochene Release am Vortag um 22:30 gewartet und ich wurde bitter enttäuscht, und das nicht wegen einer Verspätung, sondern wegen der Inhalte.
Erst am Folgetag konnte ich die Ausgabe laden, bis dato waren die Server in Hamburg völlig überlastet. Der Spiegel hatte seine Netzanbindung selbst gesprengt. Ob es jetzt hilfreich war, dem Blatt ein 500MB Video mit dem Titel „Die Bombennacht von Kunduz“ beizulegen oder nicht, ich durfte das dann erst am Folgetag beurteilen.
Das, was mir da allerdings auf meinem iPad entgegenkam, war so gar nicht das, was ich erwartet hatte. Es war ja alles schon der Allgemeinheit bekannt und richtig, was da stand. Westerwelle wurde als “Reinkarnation der Inkompetenz” tituliert und Frau Merkel sei jetzt „Teflon-Merkel“. Die wichtigen Depeschen wurden ignoriert oder erst wesentlich später in den Onlineausgaben berücksichtigt, als sich der Rest der Welt schon mit den wichtigeren Themen beschäftigte.
Das hätte auch der Springer-Verlag besser hinbekommen, würde er aber wohl nicht wollen. Der Guardian z.B. hat da deutlich bessere Worte und Schwerpunkte gefunden und sich mit den eigentlich wichtigeren Depeschen beschäftigt, während es den Spiegel immer noch interessiert, wie Seehofer hinter den Kulissen auf und ab geht wie ein HB-Männchen, der kam nämlich auch nicht gerade gut dabei weg.
Montag war ich also noch relativ glücklich, die „gekabelten“ Depeschen sollten jeden Tag für Comedy sorgen und – soviel stand fest – die Amerikaner sahen relativ alt aus. Auch die deutsche Bundesregierung. Es wurde lamentiert, gefaselt, gestammelt – das alles relativ unkoordiniert, wie zu erwarten. Ab dann ging bis heute überall immer mal wieder irgendwo eine kleine oder größere Kiste hoch: Rechtfertigungen, Entschuldigungen, Bestürzungen, Gefasel, Verleumdungsklagen, und das, obwohl Amerika und deren „Partner“ wohlwissend 2 Wochen vorher schon mit den Vorbereitungen ihres diplomatischen Untergangs beschäftigt gewesen sind. Ihre Auslandsvertretungen begannen schon weitaus früher, die entsprechenden Länder auf das Schlimmste vorzubereiten. Sie hatten genug Zeit.
Ich wurde am Montag Abend eines besseren belehrt. Meine Laune ging in den Keller. In einer Sondersendung in der ARD fehlten nur noch die üblichen Verdächtigen, dann konnte es ja eigentlich losgehen, dachte ich. Und ja, sie waren tatsächlich alle da: Die komplette Riege der „Gegenseite“ feuerte zurück. 90% der geladenen „Prominenz“ begann zu schießen und zwar gegen Wikileaks – praktisch ohne eingeladene Gegenwehr. Immer wieder wurde Wikileaks in die Ecke der Illegalität gedrängt. Manifestiert hatte sich das ganze in einer Pressemeldung der Washington Post dieser Woche dann in etwa soweit, dass Sarah Palin Assange mit einem Taliban-Anführer verglich und seinen Kopf forderte. Durch die Bank weg wurde nicht der wahre Inhalt der Depeschen verurteilt, kein Besserungsgelöbnis geäußert – Wikileaks sei der wahre Verbrecher, das sei ja illegal, was die da getan haben.
Es kommt mir so vor, als hätte sich die komplette Riege der Politiker im Kinderzimmer versammelt, um Verstecken zu spielen: Merkel hinter’m Vorhang, Seehofer zählt bis Zehn, Westerwelle grübelt hinter einer Säule: „Wenn ich meine Hand vor die Augen halte, dann sieht mich der Seehofer bestimmt nicht… Mist, da hat mich einer aus meiner Partei verpfiffen!“
Nur mal so der Vollständigkeit am Rande, Wikileaks besteht nicht nur aus Julian Assange und hat weit tiefere Wurzeln im Netz als der gebildeten Mittelschicht bekannt. Auch wurden hier schon Duisburgs‘ Sauerlandpossen in Sachen Loveparade verewigt oder ganz andere „unsinnige“ Dinge seit 2005.
Ein wenig später schoss die gesamte Netzgemeinde zurück. Auf Twitter, Facebook & Co. wurden die Reaktionen der Politiker in den Schlamm gezogen. Und womit? Mit Recht. Das Verhalten der gesamten, deutschen Führungsriege ist beängstigend. Die Kommentare in den Foren von Welt, Zeit Online, Süddeutsche, FAZ oder Spiegel bilden einen guten Querschnitt der Denke einer immer größer werdenden Gesellschaft, zu der ich mich dann offenbar auch zählen muss. Entweder leide ich an Wahrnehmungsstörungen, oder wir haben hier ebenfalls ein deutliches „Integrationsproblem“ einer sich aufbäumenden „Subkultur“.
Es ist kein Geheimnis, dass ich mich bis zum Zeitpunkt der „Kanzlerinwerdung“ offen zu konservativer Politik bekannt habe. Als in ihrer Riege nach Schäuble 2.0 eine „Person“ ein Stoppschild forderte, war das Wort „Zensursula“ in aller Munde. Erst dann begann mein Denkprozess und offenbar auch der vieler anderer in unserer Netzgemeinde. Ganz unverblümt sprach da eine mit äußerst gefährlichem Unwissen ausgestattete Person über das Schlimmste, was dem Netz passieren könnte: DNS-Poisoning (Link) und wollte eine Kontrollinstanz darüber in grundrechtlich verwerflich falsche Hände legen. Alle Wissenden schüttelten nur noch mit dem Kopf. Wie kann man politisch nur so einen idiotischen Schwachsinn verzapfen? Der mögliche nächste Bundeskanzler und Ehemann einer Beteiligten war zu tiefst betroffen,[…] „wenn pauschal der Eindruck entstehen sollte, dass es Menschen gibt, die sich gegen die Sperrung von kinderpornographischen Inhalten sträuben. Das ist nun wirklich eines der wichtigsten Vorhaben in vielerlei Hinsicht“ (Link). Seine Frau, mitverantwortlich für massenwirksames Brimborium, zum Schaden echter Opferhilfe – (Link) – ist offenbar schon damals „ganz unbeteiligt“ in diesem Kartell „vonundzuguttenbergmerkelvonderleyenschäuble“ oder kurz „innocenceindanger“ weit vor dem Abtauchen in ihren eigenen Spendensumpf. Die Musikindustrie freute sich schon wie eine Horde kleiner Kinder auf Gummibären und feierte schon den eigenen Einzug in die nächste Kontrollinstanz durch die Abmahnanwälte.
Dass alle von Kinderpornografie betroffenen (Link) und weit über 50.000 Petitionszeichner und vorne weg eine ganz besondere, bewundernswerte junge Dame vom Staat mal wieder wegen „Wegschauen und Weghören“ ganz besonders ernst genommen wurden, führte dazu, dass das neue “ZugErschwG” tatsächlich doch gegen den Protest aller bei Horst Köhler aufschlug. Ob ein Inkrafttreten wegen Verfahrensfehlern oder Horst Köhlers Unwillen, dieses Gesetzes wider dem Grundgesetz zu unterzeichnen versagte, sei mal so in den Raum gestellt. Damals glaubte ich auch noch, Herr Stadler von der FDP sei auf meiner Seite, das mit dem Weihnachtsmann habe ich begriffen. Jetzt hat das beste Format auf RTL2 mit der größten Quote „Tatort Internet“ entdeckt – fernab jeder Vernunft. Da schütteln auch die Opfer nur noch mit dem Kopf – (Link) – Das wollen die Leute ja sehen. Besser könnte ich vermeintlichen Handlungsbedarf für die gebildete Leserschaft der 4 großen Buchstaben nicht in Szene setzen. Übrigens, jetzt haben wir diesen regulatorischen Schwachsinn auf EU-Ebene neu tituliert: Zensilia.
@bitsundso hat es in der Sendung #228 deutlich besser getroffen und mein Eindruck bestätigt sich, dass ich nicht der einzige mit so vielen Sorgenfalten bin. Wer neben mir einmal China besucht hat und dort versucht hat, ssh oder ssl mit der Heimat zu quatschen, geschweige denn den Messenger zu benutzen oder gar VOIP, weiß genau wie wichtig Netzneutralität ist. Ich für meinen Teil habe Panik bekommen! Blos weg hier! Viel zu selten wird hierzulande von den Menschen aus den arabischen und chinesischen Ländern berichtet, deren Benutzung des „Netzes“ die einzige Möglichkeit ist, Demokratie und Wissen zu transportieren. Was, wenn die digitale Nabelschnur abreisst? Naja, wen interessiert’s. Sind doch nur ein paar Moslems. Offenbar wird hier in Deutschland nach Schäuble 2.0 auch von Frau Merkel immer öfter der Regulierungswunsch in genau diese Richtung geäußert. Demokratie und Freiheit wird völlig überbewertet. Wer braucht denn sowas? Gut zehn Jahre haben wir hier fernab jeder Sorge über Länder weit weg von der sorglosen, demokratischen Nutzung des Netzes unseren Unmut bekundet: “Ach hätten die es dort doch genauso schön wie wir hier. Wir können uns bewegen und unsere Meinung frei äußern.” Bald muss ich wohl sagen „konnten“.
Die vermeintliche „Gefahr“ des Netzes ist den Politikern wohl bewusst. Anstatt sich damit auseinander zu setzen, um vernünftige, menschenwürdige Rahmenbedingungen fernab von Zwangsregulierung zu schaffen und um ehrlich zu agieren, wird eine Sperre einem „gegen das Problem angehen“ und einem “Speichern auf Vorrat” vorgezogen. Wegschauen, weglaufen oder bekämpfen ist Zivilcourage ad absurdum. Diese und ähnliche Erfahrungen äußerten sich nicht nur durch Blaue Augen, verursacht durch die Exekutive dieser Republik, z.B. auf der letzten Demo „Freiheit statt Angst“.
Auch Unternehmen knicken ein, im vorauseilenden Gehorsam vor der Macht der doch so „ehrlichen“ Politik und Diplomatie. Inzwischen wird man sich wohl der Realität bewusst, dass nicht nur in der Politik gutes, verständliches Social Engagement wohl die bessere Wahl ist, denn damit könnte der demokratische Bürger besser umgehen. Dennoch äußert sich in der Wirtschaft nur folgendes: “Eine Meinung kann auch finanziell gefährlich sein…” Welche Erkenntnis! Klar, dass sich das Einknicken von Paypal die Kindergruppe um „Anonymous“ selbst auf die Fahne schreibt. Übrigens, die Wau-Holland Gruppe hat auch ein Konto bei der Commerzbank!
Das Volk fängt inzwischen an, sich mit Hilfe von Twitter und Facebook aufzulehnen. Gefahr! Die beste Daily Soap dazu: Heiner ‚Yoda‘ Geißler in den Folgen 1-56 von Stuttgart21 auf Phoenix bis vor ein paar Wochen schlug fast Dr. House in der Einschaltquote. Der gemeine Politiker ist inzwischen sprichwörtlich überfordert ob des neuen Bürgers, den er so nie kannte. Wo kommt der denn auf einmal her? Hat den vorher schonmal jemand gesehen? Noch schlechter weg kommen in der Meinung der Netzkultur vor allem die Printmedien. Auch die vermeintlich letzte Bastion, die Helmut Kohl nie mochte. Dem schlecht recherchierten Phrasengeballer der Springer-Gruppe folgte zuletzt auch der Spiegel. Die wirklich guten Artikel in Blogs und Foren in Deutschland oder in der internationalen Presse finde ich auf Twitter und hole sie mir in mein Instapaper, nicht aber in den Printmedien.
Jetzt werden im Namen von Wikileaks sogar wieder Steine geworfen, gegen Paypal, Mastercard, Visa und viele andere. Viele äußerten Verständnis dafür. Ich ausdrücklich nicht. Was mich dabei besonders wundert ist, dass diese „Community“ von 12 Botnetzbetreibern wohl meinte „Es wäre mit ihren dDoS Attacken freilich sinnfrei, die API von Paypal anzugreifen, dadurch würde ja finanzieller Schaden verursacht“. Verdampft ist der Angriff schlussendlich bei Amazon. Mit der gewaltigen Bandbreite der Amazon S3 Hütten hatte die Gruppe Kinder um „Anonymous“ nicht gerechnet. Der deutlich größere Schaden entsteht jetzt woanders. Um das zu begreifen, müsste man wohl Schachspieler denn Steinewerfer sein: Auf Molotov Cocktails folgen häufig Wasserwerfer, Schlagstöcke und Reizgas. In der Netzkultur dürfte die Gegenwehr der Obrigkeit freilich anders aussehen.
Auch wenn dieser Wasserwerfer vermeintlich noch nicht eingesetzt wurde, wird er ganz bestimmt kommen. Scheinheiliger und weniger „ehrlich“ als das reale Derivat. Ein anderer Wasserwerfer hatte unlängst gestern das Berliner Haus verlassen. Und NRW ist auch mit dabei: Diesmal völlig demokratiebefreit, aufgrund von quietschgrünen „parlamentarischen Zwängen“ wurde der dämlichste, hirnverbrannteste Blödsinn der gewählten Volksvertreter auf die Allgemeinheit der Bundesrepublik losgelassen und in einem „Staatsvertrag“ attestiert – (Link). Blogger und Forenbetreiber machen vorsorglich schon mal dicht, vor so viel geballter Demokratie.
…Als ich das zehnte Mal die nicht einmal ansatzweise beschränkt geschäftsfähige Tochter einer ehemaligen Kollegin davor bewahre, zu viel Haut auf Facebook zu zeigen, als die zweite Rechnung selbiger eines Abmahnanwalts aufgrund eines Abos bei Hausaufgaben in’s Haus flattert sie an meine Lieblingskanzlei Teclegal verweise, frage ich mich nur noch, wo soll das alles noch hinführen. Was ist passiert hier? Wo ist hier Medienkompetenz?
Kann ich bald nicht mehr der genauso intelligent- interessanten als auch süßen, spitzen Zunge Anne Grabs (@annelchen) folgen, weil mein DNS spinnt und mein Carrier (gerade mal wieder Vodafone) nur den hauseigenen zulässt, weil Twitter der Regierung oder der EU nicht in den Kram passen? Darf ich bald Tiesto’s Videos z.B. Alone (Link) nicht mehr sehen, weil da zu viele süße Mädels drin sind?
So in etwa musste sich wohl Gallileo Galilei fühlen, der versuchte, seinem Umfeld beizubringen, dass die Welt jetzt nun wirklich keine Scheibe (mehr) ist. Warum? Mein dienstliches und mein privates Umfeld versteht nur schwer, wie gefährlich die aktuelle innen- und außenpolitische Lage für die Netzneutralität ist. Schuld daran ist wohl Wikileaks oder die „KiPoIndustrie“. Facebook? Wer braucht das? Einer meiner Bekannten zieht immer noch sehr gerne über mich her wenn er sagt, ich sei ja „der digitale“. Für Zettel und Stift würde ich eine Bedienungsanleitung benötigen. Dass Twitter in der Wichtigkeit inzwischen Reuters überholt hat, scheint genausowenig der Politik, wie auch vielen meiner Bekannten klar zu sein. Immerhin, einer meiner besten Freunde hat sich jetzt aus freien Stücken dazu bekannt, sich in die Untiefen von Facebook vorzuwagen und gleich mal eine Gruppe für mein Lieblingshobby aufgemacht, ein geselliges, ganz reales: Doppelkopf. Der Innenminister 1.0 Beta nach Schäuble schafft zeitgleich das deutsche FBI (Link), schreibt die Frankfurter Rundschau. Demokratie wird völlig überbewertet.
Vielleicht stirbt der Offlinebürger ja doch irgendwann aus und Medienkompetenz kommt von ganz alleine? Nicht dass ich mir das wünschen würde, dennoch wäre ein sinnvolleres Miteinander beider Gruppen doch zweckdienlich, des gesellschaftlichen Frieden wegen. Steinewerfen (real und virtuell) ist da sinnfrei. Vielleicht kommt ja dann auch ein wenig mehr Interesse für die Medien und der Erklärungswille sowie das Zuhören beider Parteien schafft Wissen und ein Aufeinanderzugehen – zumindest in Old-Europe. Transatlantisch bin ich da doch noch deutlich besorgter! Mein zutiefst verehrter Mentor hat mir zuletzt in Berlin mitgeteilt, dass ich nicht erwarten dürfe, dass meine Moralvorstellungen auch in Saudi oder China gelten – und umgekehrt. Vielleicht liege ich ja mit diesem Blogeintrag grundsätzlich falsch?
Was ich mir dennoch zu Weihnachten wünsche? Ich wünsche mir, dass endlich begriffen wird, dass Netzneutralität demokratischer Grundbestand ist oder in manchen, konservativen Köpfen noch wird. Ich wünsche mir, dass Medienkompetenz von Eltern deren Kindern vorgelebt wird. Dass TCP/IP in der Schule gelehrt wird. Dass eine menschenwürdige Auseinandersetzung mit den Themen Informationstechnologie und Netzkultur stattfindet und zwar in allen Bereichen: Nicht nur in der Politik und in den unterversorgten Schulen – ganz einfach gesamtgesellschaftlich.
Na denn, frohes Fest!
[...] sehr lesenswerte und komplett unterschreibbare Meinung kann man hier lesen. Und sollte es vielleicht auch einfach mal tun. Ich finde das Blogposting großartig, [...]
Starke Webseite die ihr hier online gestellt habt. Macht weiter so!